HomeArtikelWas wir von den „Huberbuam“ für die Elektronische Patientenakte (ePA) lernen können!

Was wir von den „Huberbuam“ für die Elektronische Patientenakte (ePA) lernen können!

Sie zählen zu den erfolgreichsten Kletterern der Welt: Die „Huberbuam“. Aber sie haben auch gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Was das mit der Elektronischen Patientenakte zu tun hat? Nachfolgend die Antwort!

Bekannt durch Fabel-Rekorde – und die Milchschnitte

„Huberbuam“? Nicht jeder weiß auf Anhieb, um wen es sich dabei handelt. Soviel an dieser Stelle: Es sind Brüder. Bayern. Rebellen. Rekordhalter. Legenden! Was nur die wenigsten wissen: Sie sind auch Philosophen, obwohl sie sich kaum als solche bezeichnen werden. Dass zumindest Thomas Huber ein Philosoph ist, ahnte ich noch nicht, als ich zur Eröffnung des SPIN Digital Experience Lab beim gemeinsamen Event von TechDivision und Adobe eingeladen wurde.

Das Wort Experience steht für Erlebnis – und ein solches erwartete mich auf unterschiedliche Weise. Bei uns in Deutschland meinen wir mit „xperience“,“uxd“ oder „ux“ vor allem Erlebnisse in der Digitalen Welt. Soweit war der Abend für mich vorhersehbar. Doch neben Experten der Digitalen Welt sollte dort auch Thomas Huber, der ältere der Huberbuam, einen Impulsvortrag halten. Mutmaßlich über Extremerlebnisse in der realen Welt. Dass dieser Abend auch irgendetwas mit der ePA zutun haben würde, lag im voraus jenseits meiner Vorstellungskraft. Das es trotzdem soweit kam, lag am Inhalt des Impulsvortrags von Thomas Huber, der weit über den erwarteten Inhalt hinausging.

Werfen wir daher zunächst einmal einen medialen Blick auf die „Huber Brüder“ oder wie sie sich selbst auf der eigenen Website nennen Huberbuam, bevor die Brücke zur ePA geschlagen werden soll:

Die Huberbuam bei Markus Lanz

Milchschnitte-Werbung mit den Huber Buam

Thomas Huber übers Klettern

Nicht aufgeben! Weitermachen!

Was Thomas Huber in über sich, seinen Bruder und die gemeinsamen Erlebnisse erzählte, ist eine Reise in eine Welt voller Extreme: Von Berchtesgaden aus ging es nach Patagonien, das Yosemite Valley oder den Himalaya. Sofort wird klar: Wer in dieser Welt des Extremklettersports (über-)lebt, kann kein Durchnittsbürger sein. Wer in dieser äußerst kargen Welt stets aufs Neue Rekorde aufgestellt, muss nicht nur Zähigkeit, Kraft und Mut besitzen, sondern auch eine besondere Form von Leidenschaft. Sie ermöglicht es, antizipierbar hohen Schmerz (sei es physisch oder psychisch) als Voraussetzung von Erfolg zu akzeptieren, ja vermutlich sogar die Überwindung von Schmerz und Leid als Voraussetzung für großen Erfolg zu betrachten.

Thomas Huber baut seinen Vortrag entlang der drei Begriffe „Heimat“, „Brüder“ und „Berge“ auf (selbstverständlich auf Bayrisch). Es geht dabei um Motivation und Faszination im Rahmen lebensgefährlicher Abenteuer. Um die Reduktion aufs Wesentliche. Um das Handling von Risiken und – wir nähern uns der ePA – den Umgang mit Rückschlägen. So erzählt er von am Berg gestorbenen Vorbildern und Freunden, von Fehlschlägen am El Capitan oder dem Mut zur Umkehr trotz idealer Wetterbedingungen sowie – und das ist das Besondere – dem stets aufs neue aufkommenden Willen, es in einem neuen Anlauf noch einmal zu versuchen und so letztlich sogar noch erfolgreicher zu werden als es beim ersten Anlauf möglich gewesen wäre.

Obwohl Thomas Huber den Philosophen Friedrich Nietzsche mit keinem Wort zitiert, so erinnert vieles was er im Hinblick auf teils gravierende Rückschläge sagt, an die Götzendämmerung, in der es heißt: „Alles Werden und Wachsen, alles Zukunft-Verbürgende bedingt den Schmerz …“ Der Satz gilt nicht nur beim Bergsteigen, sondern möglicherweise auch bei der Elektronischen Patientenakte!

Niederlagen gehören zum Erfolg dazu!

Kommen wir damit Schritt für Schritt zur ePA, die durchaus einen direkten Bezug zu Thomas Huber besitzt. Er hat nämlich einschlägige Patientenerfahrung gesammelt. Und das gleich in doppelter Hinsicht:

  • 2011 wurde bei ihm ein Nierentumor entdeckt (auf den er erst nach dem Vortrag im privaten Gespräch eingegangen ist).
  • 2016 überlebte er bei Filmaufnahmen einen 16 Meter Sturz (!), bei dem er sich schwer verletzte.

Trotz der beiden erheblichen Rückschläge trieb ihn eine innere Stimme an, wieder in die Berge zu gehen, um neue Abenteuer, Risiken und Extreme zu suchen – und schließlich zu finden. So kommt er am Schluss des Vortrags auf jenen dramatischen Moment zu sprechen, als er vor drei Monaten im Februar 2022 in Patagonien am „Cerro Torre“ Himmel und Hölle zugleich erlebte. Ein Drama, über das sogar die BILD berichtete: Am Berg kam es nach einem Lawinenabgang zu einem schrecklichen Unglück, bei dem ein Kletterer verstarb. Gleichwohl konnten Thomas Huber und sein Kollege Anderl Soyter in einer hoch riskanten Rettungsaktion einen anderen Kletterer vor dem ansonsten sicheren Tod retten.

Drohende Niederlagen und Gefahren, das spürt man vor, während und nach seinem Impulsvortrag, haben für ihn stets eine wegweisende Wirkung: Wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, eine Bergroute nicht im ersten Anlauf gemeistert werden kann, dann ist es an der Zeit, den Ursprungsplan an die Realität anzupassen. Das erfordert den Mut, einen als falsch erkannten Weg nicht mehr weiter zu verfolgen. Auch wenn es schwerfällt: Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, einen neuen Anlauf nehmen, ohne dabei das Ziel als solches aus den Augen zu verlieren. Darüber hinaus gilt es, weiterhin mit offenen Augen an die Erreichbarkeit des Ziels zu glauben, auch und gerade dann, wenn andere nach anfänglichen Misserfolgen an der Erreichbarkeit des Zieles zweifeln oder diese verneinen.

Von eben dieser Einstellung kann man als Durchschnittsbürger von Thomas Huber lernen – in allen Lebenslagen. Ohne jemals einen realen Berg besteigen zu müssen oder bestiegen zu haben. Im Kern geht es bei seinem Vortrag nämlich nicht allein um Berge, um Klettern, die Brüder, die Heimat oder den Umgang mit Risiken. Von hoher Bedeutung ist auch der Umgang mit Zweifeln, die oft wie blockierende innerliche Berge vor einem stehen. Wer ihm aufmerksam zuhört bemerkt auch, dass das Wort Zweifel häufiger fällt als man vermuten könnte. Man spürt, dass er Zweifel zuläßt, sich mit ihnen auseinandersetzt, aber sie auch ein ums andere mal überwindet. Gleiches scheint er auch bei ähnlichen Vorträgen bereits im Jahr 2021 getan zu haben, also bereits vor dem schweren Unglück in Patagonien. Zweifel, so erlebt man, sind beim Extremklettern nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung! Das wird besonders deutlich, als er das bayerische Sprichwort „Scheiss da nix, dann feid da nix!“ kritisch hinterfragt. Es bedeutet soviel wie „Denk dir nichts, dann passiert dir auch nichts.“ Das ist seine Devise nicht – im Gegenteil, für ihn gilt eher die Erkenntnis: „Sei Dir stets bewußt, dass Dir etwas passieren kann – erst dann passiert Dir nichts!“

Nehmen wir einen neuen Anlauf – bei der ePA!

Der Umgang mit Zweifeln wiederum ist es, der den Vortrag auch für die Elektronische Patientenakte relevant macht! Die ePA ist bei dem Versuch, einen steilen Berg mit digitalen Mitteln zu erklimmen, bislang nicht wirklich weit vorangekommen! Das Ganze ist, so wie es scheint – nicht einmal eine Erstbesteigung, denn andere europäische Länder scheinen den gleichen oder zumindest einen ähnlichen ePA-Berg bereits erfolgreich erklommen zu haben. So wiederum entstehen unzählige Zweifel, die seit Jahren aus allen Richtungen, die auf das Prinzip der ePA einprasseln!

  • Bringt sie überhaupt einen Nutzen für Patienten oder andere Stakeholder?
  • Machen Länder wie Estland, Dänemark oder Schweden nicht alles viel besser wie wir?
  • Ist sie überhaupt sicher?
  • Sollte das Thema ePA nicht einfach aufgegeben werden?

Die hier vertretene Ansicht lautet:

  • Es gibt keine Frage, ob das Prinzip der Elektronischen Patientenakte einen Sinn macht. Sie macht Sinn! Auch und gerade für Patienten.
  • Den ePA-Berg zu besteigen ist notwendig, und egal welche ePA-Route man wählt: Jede davon birgt Risiken – unter anderem beim Datenschutz.
  • Die Akzeptanz und Abwägung von Risiken sowie das Auseinandersetzen mit Zweifeln ist das, was im Hinblick auf die ePA notwendig ist.
  • Die Vermeidung von Risiken ist keine Lösung, sondern das größte Risiko!

Zu hoffen, dass wir in Zukunft ohne ein digitalisiertes Gesundheitssystem inkl. ePA weiterhin den bestehenden Standard in der Versorgung von Patienten halten können, ist hoch riskant, ja sogar naiv-gefährlich, denn Fakt ist:

  • Die demographische Entwicklung führt zu einer Überalterung der Gesellschaft, die wiederum zu einer erheblichen Belastung des Gesundheitssystems.
  • Neue Krankheiten wie COVID erfordern völlig neue Instrumente, um die Gesellschaft als Ganzes sowie Familien, Unternehmen und den einzelnen resilient bleiben zu lassen.
  • Besonders ländliche Gebiete werden im Hinblick auf die gesundheitliche Versorgung vor großen Herausforderungen stehen.
  • Das Pflegesystem ist am Ausbluten – immer weniger Menschen müssen immer mehr Arbeit leisten.
  • Die Kosten im Gesundheitssystem explodieren auch ohne Ukraine-Krieg in fast schon dramatischen Umfang.

Wir stehen mit und ohne ePA vor einem riesigen, rasant wachsenden Berg von Herausforderungen im Gesundheitswesen. Es gilt, seine Existenz zu akzeptieren, seine Entwicklung zu antizipieren und schließlich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu meistern. Die Augen vor diesem Berg zu verschließen ist keine Lösung. Nichts zu wagen, wäre fatal. Etwas zu wagen heißt: Pfade entlang des Berges zu analysieren, Risiken abschätzen, Zweifel zulassen und möglicherweise auch mal mitten im Berg umkehren und einen neuen Anlauf zu nehmen. Letzteres ist allein schon deshalb kaum zu vermeiden, weil der zuvor skizziert Berg wie eine dynamisch entstehende Vulkaninsel nicht statisch ist – er verändert sich. Er muss stets aufs Neue beobachtet, vermessen und eingeschätzt werden. Dafür benötigt man Daten – auch und gerade von Patienten!

Die ePA ist nicht Teil des Problems, sondern der Lösung

Folglich ist nicht die ePA der Berg, den wir als Gesellschaft bewältigen müssen – das ist ein ebenso großer wie weit verbreiteter Irrtum. Der Berg ist die zuvor skizzierte und laufend anwachsende Liste von Herausforderungen im Gesundheitswesen. Die ePA ist folglich eher eine Art Route auf Basis eines digitalen Sicherungsseils, das Daten über den Berg an die Bergsteiger weitergeben kann, damit sie ihn – zum Nutzen aller – trotz hoher Entwicklungsdynamik erfolgreich meistern können. Natürlich müssen auch Bergsteiger die (digitalen) Seile, die sie nutzen, stets aufs Neue sorgfältig prüfen. Sie müssen sich auf sie verlassen können und diese im Berg mit instinktiver Sicherheit so einsetzen, dass sie ihr Ziel erreichen.

Doch bei jeder Besteigung können und werden Fehler passieren – damit muss man leben! Thomas Huber hat in seinem Vortrag gezeigt, dass auch im realen Leben Fehler und Schicksalsschläge mit zum Teil dramatischen Folgen passieren und wie man mit entsprechenden Situationen umgeht. Lernen wir von ihm und den Huberbuam, mit höchsten Risiken umzugehen, die einen im Zweifel das Leben kosten können!

Sicher scheint, dass egal welche ePA-Route niemals frei von Risiken sein wird. Die Risiken sind nicht zu leugnen aber auch nicht überzubewerten. Setzen wir sie ins richtige Verhältnis zu den enormen gesamtgesellschaftlichen sowie individuellen Risiken der Zukunft, die ebenfalls nicht zu leugnen und kaum zu überschätzen sind. Die ePA als auch die Digitalisierung der Gesundheitswelt ermöglicht die Chance, die erkannten und hoch relevanten Risiken zu meistern. Dafür braucht man nicht nur Mut, Willen und Fachkompetenz, sondern auch konstruktive Zweifel. Vor diesem Hintergrund sollten künftig nicht länger am „OB“ der ePA zweifeln, sondern eher daran, ob es tatsächlich bessere und risikoärmere Alternativen gibt – das Risiko der Untätigkeit inbegriffen.

Konzentrieren wir uns daher auf das „WIE“ der ePA-Bergbesteigung!

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