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Die DACH-Lösungen im Vergleich: ePA, ELGA, EDP

Im deutschsprachigen Raum gibt es gleich drei digitale Patientenakten: Die deutsche ePA, die österreichische ELGA und das schweizer EDP. Ein Überblick mit Thesen.

Drei Länder, drei unterschiedliche Lösungen

Dass es in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die gleiche Idee unterschiedliche Lösungsansätze gibt, weiß man spätesten seit der Einführung der LKW-Maut. Gründe für mehr Kooperation gäbe es sicherlich genug – immerhin gibt es ja in jedem der drei Länder Menschen, die im angrenzenden Nachbarland arbeiten. Zu dumm, wenn gerade dieser besonders relevante Case – man verletzt sich bei der Arbeit und ist nicht zuhause beim Hausarzt – grenzübergreifend nicht funktioniert. Und warum? Weil der Deutsche, der in Österreich arbeitet oder die Österreicherin, die in der Schweiz arbeitet leider das falsche System nutzt. Wenn man also krank wird, dann bitte nur im Inland.

Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass die drei Systeme unabhängig voneinander jeweils für sich noch kein Erfolgsmodell sind. So klagt die Schweiz über noch fehlende Akzeptanz des EDP, die österreichische Lösung erfährt zwar nach wie vor Kritik, aber immerhin gibt es so viele Nutzer*Innen, dass technische Probleme bei der ELGA mediale Resonanz bewirken und die Einführung des Impfpass in die ELGA zu Massenabmeldungen von Impfgegnern geführt hat. Im Kontext der Freiwilligkeit der ePA (sog. Opt-In/Opt-Out) wird von deutscher Seite sogar auf das Vorbild der österreichischen ELGA verwiesen.

Bevor über die Synergien nachgedacht werden soll, hilft es, die drei Lösungen zunächst einmal kennenzulernen:

  • Die deutsche Elektronische Patientenakte (ePA) wird am umfassendsten auf den Seiten der gematik dargestellt – einem Gemeinschaftsunternehmen von Staat und Verbänden.
  • Die österreichische Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) ist ein 100%-Produkt des Staates Austria und hier dokumentiert.
  • Das Schweizer Elektronische Patientendossier (EPD) gehört ebenfalls dem Staat – Informationen dazu findet man hier.

Lernen von denen, die schon länger am Markt sind?!

Es klingt wie eine Binsenweisheit, aber die ePA in Deutschland kann im Hinblick auf die Nutzung durch Bürger und Ärzte viel vom angrenzenden Ausland lernen. Lernen, was man tun und was man nicht tun sollte … Und das selbst dann, wenn ePA, ELGA und EPD im Hinblick auf die Einsatzszenarien nicht 100% deckungsgleich sind.

Wie stehen wir also im Vergleich da?

  • Je nach Standpunkt könnte man sagen: Österreicher haben richtig gemacht, dass die ELGA eine Opt-Out-Lösung ist. Danach hat jeder Bürger automatisch eine ELGA, kann sich aber abmelden – und wie man sieht funktioniert das auch mit den selbstbestimmten Austritten. Ganz egal ob aus politischen oder anderen Gründen! Über 13.000 Menschen haben sich in 2022 von der ELGA abgemeldet – es waren allesamt Impfgegner. So oder so: Wer tatsächlich keine ELGA will, kann sich abmelden. Alle anderen haben dafür geringere Einstiegshürden. Eigentlich eine Win-Win-Situation.
  • Anders bei der Anwenderfreundlichkeit. Hier liegt in Österreich nach wie vor eine Herausforderung, obwohl das Projekt deutlich vor der ePA gestartet wurde. Dies ist selbst nach Aussage des ELGA Geschäftsführers nach wie vor ein Thema. Learning: Offenbar lange Zeit bekannte Probleme werden einfach nicht lösungsorientiert angegangen. Wieso gerade die Nutzerfreundlichkeit so schwer umzusetzen sein soll, ist nicht leicht zu verstehen – selbst für einen Juristen.
  • Die Österreicher haben zudem ein offensichtliches Technik-Problem (gehabt): Der Impfpass, der eigentlich ein echter Booster für die ELGA sein sollte, scheint nicht in Gang zu kommen.
  • In der Schweiz scheint das EPD gar existenzbedroht, denn die Einführung des EDP geht offenbar zu langsam. So langsam, dass die Geschäftskommission des Nationalrats ernsthaft besorgt zu sein scheint.
  • Dies wirkt umso besorgniserregender, weil – mit Verlaub, meine lieben Schweizer -, ihr selbst nach eigener Selbsteinschätzung im einen oder anderen Kanton eher gemächlich seid. Wenn also in der Schweiz etwas zu langsam geht, dann hat das schon was zu bedeuten. Liegt es am Opt-in? Also daran, dass man sich um seine ePA selbst kümmern muss? Durchaus möglich.
  • Ja und die ePA in Deutschland? Auch die kommt (ebenso wie eRezept und eAU) aktuell nur schleppend voran. Auch hier gibt es ein Opt-in. Ein Turbo für die ePA ist das sicherlich nicht …
  • Unabhängig davon gibt es aber weitere Herausforderungen. So scheint sich der Mutterpass, der 2022 kommen sollte, deutlich zu verzögern. In Insiderkreisen wird zudem kritisiert, es handele sich beim aktuellen Ansatz lediglich um eine 1:1 Übertragung von Papier ins Digitale – ohne irgendwelche Mehrwerte. Wozu ihn dann überhaupt digitalisieren?

In Anbetracht dieser Umstände scheint es aktuell sehr gewagt, den anfangs skizzierten grenzübergreifenden Use Case allzu zeitnah zu erhoffen. Eigentlich schade, aber auch eine wichtige Erkenntnis.

Und die Moral von der Geschicht?

Beim Wettlauf von ePA, ELGA und EDP in der DACH-Region scheint es sich trotz Corona nach wie vor eher um eine Art „Schneckenrennen“ zu handeln, bei dem Deutschland mit der ePA immerhin noch die Chance hat, nicht nur unter die ersten drei zu kommen, sondern sogar am Ende zu gewinnen.

Ganz ernsthaft darf man in Anbetracht der Umstände feststellen:

  • Wenn die Einführung einer Patientenakte in allen drei DACH-Ländern derartige Probleme aufwirft, sollte man mit typischen Standort-Vorwürfen zurückhaltend sein („typisch deutsch“, „typisch Schweiz“).
  • Die ePA ist folglich auch nicht – wie mancher behauptet – ein neuer Berliner Flughafen, der sich primär in lähmender Deutscher Bürokratie verfängt!
  • Hinter ePA, ELGA und EDP steht vielmehr eine in allen drei Ländern vergleichbar komplexe Ausgangsproblematik: Die der unterschiedlichen Interessenlage verschiedener Stakeholder.
  • Und ein Punkt kommt wohl auch noch dazu in allen drei Ländern: Die Interessen der Patienten scheinen konzeptionell und kommunikativ nachrangig!

Viele Patienten und Bürger scheinen elektronische Patientenakten in der DACH-Region aktuell noch als „aufgedrängte Bereicherung“ zu empfinden. Das ist definitiv kein Grund, am Sinn des Projekts zu zweifeln. Auch die Tatsache, dass technische Probleme in allen drei Ländern zu bestehen scheinen, ist kein Anlass, die Flinte ins Korn zu werfen. Vielmehr sollten alle drei Länder zusammen den Blick in die Länder richten, in denen es schon so etwas wie eine funktionierende Patientenakte gibt: Schweden und Dänemark.

In diesem Sinne wird das ePA-Magazin künftig verstärkt diese Lösungen untersuchen und über die Ergebnisse berichten. Der Grund ist einfach: Man sollte nicht so sehr kritisieren, was in DACH scheinbar falsch gemacht wird. Vielmehr scheint relevant, was in Schweden und Dänemark richtig gemacht wurde – nur davon kann man wirklich lernen!

Weiterführende Informationen:

ePA Quick Start
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